Indian Rhapsody

Teekesselchen

Die Pfeife schrillt. Gedankenverloren schalte ich die Maschine aus, gehe nach unten und nehme den Kessel vom Herd. Gerade habe ich einen neuen Stoff unter der Nadel. Einen indischen Handloom. Ich habe versprochen, ihn zu testen und eine Geschichte darüber zu schreiben. Das Thema soll Indien sein. Nur: Was habe ich mit Indien zu tun? Ich hole den Darjeeling aus dem Teeregal und schütte das dampfende Wasser auf.  Mit der Tasse in der Hand setze ich mich wieder ins Nähzimmer. Herb duftet es aus der heißen Kanne. Mir steigen Erinnerungen in die Nase. Bruchstücke von Erzählungen, lange her, von meiner Mutter. 


Mein Urgroßvater war ein Teehändler. Morgens schwang er sich auf seinen Drahtesel und radelte in den Odenwald, 30  Kilometer weit, Tendenz steigend. Auf dem Rücken den schweren  Sack mit Tee, den die Familie zuvor stundenlang mühsam in kleine Säckchen abgefüllt hatte. Dort, wo meine Eltern jetzt jeden Abend fern sehen, war früher die Teestub. Das ganze Haus roch nach Pfefferminz, nach Hagebutte und Schwarztee. 


Einmal im Monat machte sich Urgroßvater ausgehfein. Er holte die guten Knickerbocker aus dem Schrank, packte seine Koffer und fuhr in die Stadt. Mannheim war damals das, was für uns heute Berlin sein mag. Groß, laut, voll. Und es hatte eine Markthalle, wo Händler Waren aus der ganzen Welt feilhielten. Es roch nach Kardamom, nach Nelken, nach Zitrusfrüchten. Schübe voller getrockneter Blätter standen da: Tee aus Indien, gepflückt von Hand in einem fernen Land.


Wann immer Urgroßvater mit seinen vollen Koffern wieder nach Hause kam, musste er meinem Großvater davon erzählen. So fremd, so aufregend waren diese Geschichten! Einmal durfte Großvater mitkommen. Was für ein Abenteuer! Die Urgroßmutter plättete die kleinen Knickerbocker, zog ihren beiden Männern warme Pullunder über, setzte ihnen Schiebermützen auf und schickte sie zum Bahnhof.    
War das aufregend! Die dunkle Lokomotive fauchte. Die Pfeife schrillte. Schnell suchten sich die beiden Männer einen Platz in der Holzklasse, und dampfend setzte sich der Zug in Bewegung. 

Eine halbe Stunde dauerte die Fahrt, und sie mussten nur einmal umsteigen. Aber meinem Großvater kam es vor, als würde er die ganze Welt bereisen. Einmal um den Globus herum, mitten hinein ins ferne Indien, wo wunderschöne, mandeläugige Menschen auf den Feldern standen und Tee pflückten.


Ich streichele über meinen Stoff. Auch er stammt direkt aus Indien. Für ihn hatten Frauen wie ich dort Baumwolle gesammelt, sie mit Pflanzen gefärbt und liebevoll zu dem Handloom verwoben, der jetzt vor mir liegt. Sie taten dies nicht als Sklaven gehalten in einer der menschenverachtenden Billiglohnfabriken, sondern aus freien Stücken und fair entlohnt, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen - und tun es noch heute (siehe Infobox unten).

Mein Darjeeling ist kalt geworden. Ich trinke die Tasse aus und setze neues Wasser auf. Danach werde ich weiter meinen indischen Handloom verarbeiten. Mal sehen. Vielleicht nähe ich zwei Knickerbocker daraus.
Eine große. Und ein kleine



Handgewebte Stoffschätze

Duo-tone und uni-farbene Baumwollstoffe - von Hand gewebt und in fairer und nachhaltiger Produktion von Hand hergestellt. Das sind Handloom-Stoffe.  In Deutschland bekommt Ihr sie bei Karlotta Pink. Inhaberin Ines Weizenegger arbeitet mit kleinen Weberei-Kooperativen in Nordindien zusammen. Der Webstuhl ist in fast jeder indischen Familie auf dem Land zu finden. Früher war Weben eine der Hauptbeschäftigungen der Frauen. Im Zuge der Industrialisierung ist dieses Handwerk in den Hintergrund gerückt. Die Partner von Karlotta Pink in Indien wollen mit ihrer Initiative das alte Handwerk fördern und zugleich den Frauen damit einen Beitrag zum Lebensunterhalt ermöglichen. Die Weberinnen stellen in Heimarbeit die Stoffe her, welche dann über die Sozialkooperative gemeinschaftlich vertrieben werden.

Jeder Stoff trägt die Handschrift der Weberin. Deswegen sind handgewebte indische Baumwollstoffe so unterschiedlich wie Ihre Weberinnen. Mal fest - fast canvasartig mit dickerem Garn gewebt, mal fein und fliessend oder in zweifarbiger oder Waffel-Webung hergestellt. Die Einzigartigkeit jeden Stoffes macht jedes Nähprojekt zu einem Unikat.

Komm mit uns auf Reisen!

Um den indischen Handloom und seine Hersteller  in Deutschland bekannt zu machen, haben acht wunderbare Näherinnen diesen Stoff wochenlang nach Strich und Faden erprobt. Dabei sind zauberhafte Werke und Geschichten entstanden. Ich täte mich furchtbar freuen, wenn Ihr auch meine Mit-Näherinnen auf ihren Seiten besuchen und teils sehr persönlichen Erzählungen lauschen würdet. Dies sind:

 

Selmin von Tweed & Greet

Lisa von Ella Fabrics
Doris von Langes Fädchen, Faules Mädchen

Tanja von Tillit
Dominic von Kreamino

Julia von Fine Fabric
Sabine mit ihrem 20er Jahre Vintagekleid

Franziska von Brennnesselein

Tamara von die Grinsekatze

Jenny von Buxsen

Silvia von Petersilie & co.

Maira von Selbstgenähtes von Mairao

 



Ich danke von Herzen dem Team des Museums der Bahnwelt Kranichstein für die Möglichkeit, in seinen original alten Wagons von 1926 und 1944 fotografieren zu dürfen. Wenn Ihr in der Nähe seid, besucht die Bahnwelt. Das ist ein gemeinnütziger Verein, in dem die Mitglieder in Eigenarbeit und ehrenamtlich alte Eisenbahnen restaurieren und das Museum betreiben. 

Models: Timo & Mattis

Fotos: Jochen Boy, Bitte einsteigen

Stoffe der Knickerbocker und Mützen: Indische Handlooms von Karlotta Pink

Schnitte: Dyfa&Kids - Genie, SHO! - KnickerSHO!
Pullunder: Inge Boy
Wagons: Reisezugwagen 301 764, Deutsche Reichsbahn 1944; Reisezugwagen 61, Deutsche Eisenbahn-Betriebsgesellschaft, 1926 = Odenwälder Lieschen, mit dem mein Uropa gefahren ist

Location: Bahnwelt Darmstadt-Kranichstein


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